06.02.2012

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Letzte Änderung: 06.07.2009
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Rain Dogs

Nachdem der Regen mit großer Wucht die tiefen Straßentäler gründlich gewaschen hat, beginnt der Tanz der "Rain Dogs" - ein Phänomen, das sich hauptsächlich in Lower Manhattanbeobachten lässt. Was wie ein Tanz aussieht, ist in Wirklichkeit ein trauriges Schauspiel alljener Hunde, die wegen des Regens all ihrer Orientierungsmarken beraubt sind. Kein bekannter Duft säumt die Straßen, alle Ecken, Blumenständer und Hydranten riechen gleich. Keine Chance auf Orientierung.

Traurig laufen sie durch die Straßen, ziellos, ohne Sinn, aber in der Hoffnung, doch noch, wenn sie nur immer weiter und schneller laufen, irgendwo anzukommen, wo sie ihren Platz zum Schlafen finden können. Die Rain Dogs sind ziellos, sie tragen aber eine tiefe Sehnsucht im Herzen, heimzukommen, auch wenn sie nicht wissen, wo das ist. Ihre traurigen Gesichter scheinen zu fragen: "Können Sie mir helfen, Sir? Wissen Sie vielleicht, wohin ich laufen soll, Madam?" Der Regen bringt die Rain Dogs in eine tiefe Krise, in eine Zielkrise.

Tom Waits, der jazzige Kultstar, hat den Rain Dogs ein ganzes Album gewidmet.Geht es uns - unserer Gesellschaft - heute nicht ganz ähnlich wie den Rain Dogs? Befinden wir uns nicht in einer ganz ähnlich traurigen Situation? Mag sein, dass wir zum Unterschied zu den Rain Dogs nicht verhärmt auf den Straßen laufen, aber hetzen wir nicht ebenso planlos den längst verlorenen Zielen hinterher?

Das einzig erkennbare Ziel lautet doch ?Fortsetzung der Steigerung?. Wir machen also unser aktives Tun zum Ziel selbst. Dieses Ziel lässt sich in beliebige Subziele unterteilen. Es ist der Mensch, der effizienter und gesünder werden muss, es sind die Maschinen, die noch leistungsfähiger werden sollen, es ist ein Stück Ackerland, das noch mehr Ertrag liefern muss, es sind die Industrieanlagen, die ressourceneffizienter werden müssen, es sind die Konsumenten, deren Kaufkraft weiter erhöht werden muss, es sind die Unternehmen, die noch mehr Gewinne bringen könnten, es sind unsere Kinder, die noch schneller lernen sollten, ... und die Autobahnen müssen breiter, die Autos schneller, die Städte größer, die Urlaubsflüge weiter, die Einkommen höher werden. Steigerung ohne Ende.

Aber keine Angst, es ist kein weiterer Versuch, das Wachstumsdenken zu kritisieren oder gar in Opposition zu gehen. Die Geschichte hat uns klar gezeigt, dass jede Kritik, jede Gegenrede immer nur bewirken konnte, das "Steigerungsspiel", wie Gerhard Schulze es nennt, zu stärken. Jedes Problem, jede Knappheit wird nämlich zur Energieressource für weiteres Wachstum. Steigerung im Sinne einer Erweiterung unseres Möglichkeitsraums ist ja auch ganz im Sinne der Evolution, hin zu höherer Komplexität. Und kein vernünftiger Mensch würde die Erweiterung des Wissensraumes als schlecht einstufen, verhindert sie doch die Verkümmerung des menschlichen Geistes.